Artoalla: Unterschied zwischen den Versionen

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Artoalla und La Motta, zwei Maiensässe – zwei unterschiedliche Schicksale
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Artoalla und La Motta, zwei Maiensässe – zwei unterschiedliche Schicksale:
 
 
  
 
Das rund 200 Höhenmeter über dem Dorf gelegene Artoalla war das grösste Maiensäss von Cauco. Sieben Gebäude sind übrig geblieben von einer temporären Wohnsiedlung mit 25 Familien, die 54 Gebäude umfasste. Auf diesem Maiensäss lebten, wie die Anzahl Kochstellen in den Gebäuden und Ruinen belegt, im Sommer und Herbst rund ein Drittel der Familien der ehemaligen Gemeinde Cauco. Sein Niedergang begann in der Zeit nach 1740 und setzte sich im 19. Jahrhundert fort. In den frühen Jahrzehnten des 19. Jh. werden erste Dächer und Gebäude eingestürzt sein, da inzwischen mindestens ein Drittel Familien weniger in Artoalla lebten als 100 Jahre zuvor. Um 1900 befindet sich fast die Hälfte der Cascinas in verschiedenen Stadien des Zerfalls, nur noch 8 Familien sind mit ihren Tieren in Artoalla, 1930 sind es noch 6 und 1950 deren 4. Kurze Zeit danach gehört der jahreszeitliche Nomadismus der Bauern der Vergangenheit an.
 
Das rund 200 Höhenmeter über dem Dorf gelegene Artoalla war das grösste Maiensäss von Cauco. Sieben Gebäude sind übrig geblieben von einer temporären Wohnsiedlung mit 25 Familien, die 54 Gebäude umfasste. Auf diesem Maiensäss lebten, wie die Anzahl Kochstellen in den Gebäuden und Ruinen belegt, im Sommer und Herbst rund ein Drittel der Familien der ehemaligen Gemeinde Cauco. Sein Niedergang begann in der Zeit nach 1740 und setzte sich im 19. Jahrhundert fort. In den frühen Jahrzehnten des 19. Jh. werden erste Dächer und Gebäude eingestürzt sein, da inzwischen mindestens ein Drittel Familien weniger in Artoalla lebten als 100 Jahre zuvor. Um 1900 befindet sich fast die Hälfte der Cascinas in verschiedenen Stadien des Zerfalls, nur noch 8 Familien sind mit ihren Tieren in Artoalla, 1930 sind es noch 6 und 1950 deren 4. Kurze Zeit danach gehört der jahreszeitliche Nomadismus der Bauern der Vergangenheit an.

Version vom 16. Dezember 2022, 17:21 Uhr

Das grösste Maiensäss der Gemeinde Cauco

Wer sich heute in Cauco einigermassen auskennt könnte leicht denken, der Titel sei falsch; zumindest La Motta und Cavaionc präsentieren sich als stattlichere Maiensässe (Monti). Das war aber, wie die folgenden Zahlen belegen, ursprünglich ganz anders:

Artoalla (1260 - 1320 müM) Cavaionc (1250 - 1310 müM) La Motta (1370 - 1390 müM)
Anzahl Betriebe archäologisches Inventar 24 14 10
Anzahl Gebäude archäologisches Inventar 54 30 17
Im Jahr 2000 noch intakte Gebäude 7 17 16


Es existieren in Artoalla noch Gebäude (archäologisches Inventar = 100%):

Im Jahr 1900 1930 1968 2000
ca. 48% 35% 26% 13%


Artoalla und La Motta, zwei Maiensässe – zwei unterschiedliche Schicksale:

Das rund 200 Höhenmeter über dem Dorf gelegene Artoalla war das grösste Maiensäss von Cauco. Sieben Gebäude sind übrig geblieben von einer temporären Wohnsiedlung mit 25 Familien, die 54 Gebäude umfasste. Auf diesem Maiensäss lebten, wie die Anzahl Kochstellen in den Gebäuden und Ruinen belegt, im Sommer und Herbst rund ein Drittel der Familien der ehemaligen Gemeinde Cauco. Sein Niedergang begann in der Zeit nach 1740 und setzte sich im 19. Jahrhundert fort. In den frühen Jahrzehnten des 19. Jh. werden erste Dächer und Gebäude eingestürzt sein, da inzwischen mindestens ein Drittel Familien weniger in Artoalla lebten als 100 Jahre zuvor. Um 1900 befindet sich fast die Hälfte der Cascinas in verschiedenen Stadien des Zerfalls, nur noch 8 Familien sind mit ihren Tieren in Artoalla, 1930 sind es noch 6 und 1950 deren 4. Kurze Zeit danach gehört der jahreszeitliche Nomadismus der Bauern der Vergangenheit an. Der Niedergang im 19. Jahrhundert wurde durch einschneidende Umstellungen innerhalb der Berglandwirtschaft beschleunigt. Die Zunahme der Rinderhaltung bei gleichzeitiger Aufgabe des Getreideanbaus begünstigte das 100 Meter höher gelegene La Motta mit sicherer Wasserversorgung und besserem Zugang zu geeigneten Weiden für Rindvieh. Aus diesen Gründen haben manche Bauern ab der zweiten Hälfe des 19. Jh. in La Motta investiert, 12 von 16 Gebäuden stammen dort aus dieser Zeit. Stall, Küche und Schlafraum sind nun häufig getrennt, die Wohnverhältnisse weniger primitiv als zuvor. La Motta steht für die Zeit, in der auch die Calanker Berglandwirtschaft sich fast ausschliesslich auf die Viehhaltung zu stützen begann. Im Raum Artoalla ist das Gelände steiler, felsiger und von tiefen Spalten durchzogen. Hier waren einst gut 25% des Kulturlandes für den Anbau von Getreide terrassiert, ein Handicap für den Weidebetrieb. Die Parzellierung des Grundbesitzes zufolge der Landknappheit hatte extreme Ausmasse angenommen. Die durchschnittliche Parzellengrösse lag 1970 bei 2 1⁄2 Aren, im wertvollsten terrassierten Gelände gab es Parzellen mit weniger als 50 m2 Fläche! Hier ist auch nach der Zusammenlegung der Parzellen kein Weidebetrieb möglich ohne dass sich Steine aus den vielen Trockenmauern lösen und wegrutschen oder –rollen, so dass nachher die kleine Wiese nicht einmal mehr mit der Sense ordentlich gemäht werden kann. Wer hier in Artoalla als Kind seinen Eltern bei der Feldarbeit geholfen hat wird ein Leben lang zu jeder Handvoll Heu Sorge tragen und seine Kinder fragen sich, wieso man diesen Hang jemals genutzt hat. Wir Menschen von heute dürfen den frühern Generationen danken für die uns hinterlassene vielfältige Kulturlandschaft, die wir bestaunen und erleben können.


Erinnerungen

Artoalla ist ein Maiensäss des kleinen Dorfes Cauco, 300 Höhenmeter über dem Dorf im steilen Hang gelegen. Nach Artoalla kam ich erstmals 1972, ich begleitete meinen väterlichen Freund Prof. Jakob Urech auf dem Weg zu seinen Hütten auf dem Monti. Wegen seinen Herzproblemen wählten wir den etwas längeren und daher sanfteren Aufstieg über Tec Paolin und La Cascina, nur das steile Schlussstück des Weges machte meinem Begleiter etwas Mühe. Dieser „Spaziergang“ verschaffte mir einen ersten Einblick in die Welt der Calanker Bergbauern. Ein weiterer Teil dieser Welt begegnete mir oben an unserem Ziel in Artoalla. Gleich die ersten drei noch intakten, eng beieinander stehenden Gebäude gehörten meinem Freund. Rechts, über der hier noch einen Meter hohen Wegmauer, ein Stall aus Trockenmauerwerk mit einer Grundfläche von sechs auf sechs Metern. Der sehr niedrige Stallraum (Höhe knapp 1.6 Meter) war gefüllt mit allem möglichen Gerümpel und wurmstichigem Brennholz. Auf den Stallmauern ruht ein Blockbau aus unbehauenem Rundholz und daher gut durchlüftet, ideal zum Trocknen und Lagern von krautreichem Bergheu. Ein Rest von staubigem altem Heu, als Unterlage zum Schlafen gedacht, war noch vorhanden. Links neben dem Stall, keine zwei Meter entfernt, steht ein kleinerer Steinbau, die Küche (Innenmasse 3.5 x 3.2 Meter) mit einem kühlen Keller darunter. Zur Küchentüre gelangt man über eine schmale Aussentreppe aus Gneisplatten. Der Blick in den Raum zeigt folgendes Bild: Vor der bergseitigen Wand liegt eine Steinplatte auf dem Holzboden, darauf eine offene Feuerstelle wie wir sie von Feuerstellen im Wald kennen. Einen Kochherd oder Ofen gibt es nicht, ebenfalls keinen Kamin. Der Rauch entweicht je nach Wetterlage durch die Ritzen zwischen den Steinplatten des Daches oder durch die offene Türe bzw. den Spalt zwischen Türe und Dach. An den Wänden stehen auf Läden einige Kochgeräte sowie Blechbüchsen, Gläser und Flaschen. Ein Hocker, eine Bank und ein kleiner Tisch, zur Hälfte hinter der Türe verborgen, sind das einzige Mobiliar. Dazu stehen oder liegen im Raum alle möglichen Werkzeuge wie Sägen, Beile, Hämmer, Sicheln etc. Unmittelbar neben der Küche steht, etwas höher gelegen, ein kleines Holzhaus mit rund 4 x 4 Metern Grundfläche. Es handelt sich um einen Blockbau aus sorgfältig gehauenen Planken („Flecklingen“) und diente noch bis nach dem zweiten Weltkrieg als Schlafhäuschen (Stanzin). In ihm war 1927 die spätere Bäuerin und Wirtin Elsa Capriroli-Scolari geboren worden. Zwei Kammern, je knapp 1.8 x 1.8 Meter und 1.5 Meter hoch, haben je eine Türe ins Freie (Masse: 80 x 90 cm). Über den beiden Räumen gibt es noch einen niedrigen Dachboden, ebenfalls mit einem Zugang vom Freien her, den man über eine kurze Leiter erreicht. Diese drei kleinen Gebäude (Hüttlein) waren der temporäre Wohnsitz einer Bauernfamilie, die sich gemessen an den Massstäben des 19. Jahrhunderts eine komfortable Wohnung auf dem Maiensäss leisten konnte, in manchen Bauernfamilien gab es kein separates Schlafhaus sondern nur Stall, Heuboden und eine winzige Küche unter einem Dach. Dieses Mehrzweckgebäude, mehrheitlich zwischen 6 und 8 Metern lang und 4 bis 5 Meter breit, nennt man Cascina. Ich konnte das romantische Leben auf einem Maiensäss während mehr als 12 Arbeitslagerwochen geniessen und mir ist dabei bewusst geworden wie mühsam dieses Bauernleben in früheren Jahrhunderten gewesen sein muss, monatelang bei jeder Witterung und auch mit Kleinkindern! Rund 40 Meter von der beschriebenen Gebäudegruppe entfernt steht oben am Waldrand ein weiterer Stall, ganz aus Stein gebaut und mit Kalk verputzt, den die Bäuerinnen auf der Alp Nomnom holen mussten. Dieser Stall gehörte in grauer Vergangenheit zu einem anderen Betrieb, dessen übrige Gebäude längst zerfallen sind. Auch ihn drohte dieses Schicksal zu ereilen, der mächtige Firstbalken schon gebrochen und daher die Giebelmauer unter dem Druck von über 30 Tonnen Gneisplatten und zusätzlichen Schneemassen aufgesprengt, so trafen wir ihn 1972 an. Das Gebäude würde wie wir leider feststellen mussten, längerfristig nur mit einem neuen weniger schweren Dach zu retten sein.

Der damalige Ausflug nach Artoalla war eigentlich ein Kontrollgang, wir wollten den Zustand der Gebäude, insbesondere der Dächer überprüfen. Vorerst haben wir nur auf allen 4 Dächern die durch winterliche Fröste oder Tiere bewegten Gneisplatten wieder an ihren Platz geschoben und auf ihrer Unterlage so sorgfältig wie möglich mit kleineren Steinen abgestützt. Solche regelmässigen Wartungsarbeiten erweisen sich bei diesen scheinbar unverwüstlichen Steindächern als unerlässlich, diesbezügliche Nachlässigkeit rächt sich schnell. Die intakte leer stehende Cascina auf der Nachbarparzelle, deren Dach seit den 60er-Jahren des 20.Jahrhunderts nicht mehr unterhalten worden war, ist bis zum Jahr 2004 vollständig eingestürzt. Sie erlitt das Schicksal das den meisten Gebäuden Artoallas beschieden war, da sie schrittweise ihre ursprüngliche Funktion verloren. Zum Problem wurde auch die Versorgung mit Trinkwasser; aus der Quelle neben dem Stall floss nur ein armseliges Rinnsal. Dauerhafte Quellfassungen erweisen sich in grobblockigen Steilhängen als sehr schwierig. Schon beim Aufstieg nach Artoalla waren mir neben den den Weg säumenden Trockensteinmauern weitere Mauerstücke aufgefallen, die auf eingestürzte Bauten hinwiesen. Da für mich so vieles neu war, habe ich ihnen keine systematische Beachtung geschenkt. Erst drei Jahre später im Rahmen einer Studienwoche wurden die Folgen der Abwanderung auf die Siedlungslandschaft für mich zum Thema. Zur selben Zeit sind mir kleine junge Fichten und Birken entlang von Mauern aufgefallen, acht Jahre später sind die Tännchen schon einen bis drei Meter hoch und damit teilweise vor Verbiss durch Tiere geschützt. Erst schleichend, dann immer schneller verändert sich das Landschaftsbild, der Wald erobert sich das einst von Menschen gewonnene Kulturland langsam aber stetig zurück. Aus sonnigen Monti mit blumigen Matten werden schattige Waldlichtungen und am Schluss finden sich nur noch Mauerreste im Wald wie das südlich von Artoalla schon länger der Fall ist. In Artoalla haben wir – einzelne Grundeigentümer und freiwillige Helfer – uns in den letzten 50 Jahren gegen diese Entwicklung gestemmt, mit teilweisem Erfolg.


Die Siedlung

Sieben Gebäude sind übrig geblieben von einer temporären Wohnsiedlung mit 25 Familien die 54 Gebäude umfasste, das heisst auf diesem Maiensäss lebten, wie die Anzahl der Kochstellen in den Gebäuden und Ruinen belegt, im Sommer und Herbst gut ein Drittel der Familien der ehemaligen Gemeinde Cauco. Ihr Niedergang begann in der Zeit nach 1740 und setzte sich im 19. Jahrhundert fort. Er ist eng verbunden mit dem massiven Bevölkerungsrückgang im mittleren Calancatal im 18. Jahrhundert, einer Zeit in der sich die Bevölkerungszahl von Cauco halbierte. Witterungsbedingte Missernten konnten nicht mehr über eine Ausdehnung des Kulturlandes kompensiert werden, der Wirtschaftsraum war schon an die äussersten möglichen Grenzen gestossen. Ab wann der Weiler Artoalla von dieser Entwicklung betroffen war ist nicht rekonstruierbar, man kann aber annehmen dass am Ende des 18. Jh. erst wenige Bauten ernsthaft beschädigt waren da die verbliebenen Nachbarn sie mehrheitlich weiter benutzen konnten. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jh. werden aber erste Dächer und Gebäude eingestürzt sein, da inzwischen mindestens ein Drittel Familien weniger in Artoalla lebten als 100 Jahre zuvor. Um 1900 befindet sich fast die Hälfte der Cascinas in verschiedenen Phasen des Zerfalls, nur noch 8 Familien sind mit ihren Tieren in Artoalla, 1930 sind es noch 6 und 1950 deren 4. Kurze Zeit danach gehört der jahreszeitliche Nomadismus der Bauern der Vergangenheit an.


Berglandwirtschaft

Blicken wir nochmals auf die vorhergehenden Zeiten zurück. Da das Vieh in Cauco kaum zwei Monate im Tal gehalten wurde, wohnten auch die Menschen während 7 bis 8 Monaten des Jahres auf den Maiensässen. Dennoch blieben die Wohngelegenheiten für den Menschen äusserst bescheiden, separate kleine Küchen oder Schlafhäuschen wie wir sie beschrieben haben, sind eine Ausnahme. Mehrheitlich schlief man auf dem Heustock über dem Stall und die Küche war ein auf der Bergseite an die Heubühne anschliessender Raum von 10 bis 12 m2 mit offener Feuerstelle. Sanitarische Einrichtungen gab es keine. Der Zusammenbruch der Siedlung im 19. Jh. wurde durch massive Umstellungen innerhalb der Berglandwirtschaft beschleunigt. Die Zunahme der Viehhaltung, in Cauco speziell der Rinderhaltung, bei gleichzeitiger Aufgabe des Getreideanbaus begünstigte das zuvor vergleichsweise relativ unbedeutende La Motta. Dort und hinten im Val Conca gibt es grössere geeignete Weiden für Rindvieh, im Raum Artoalla ist das Gelände steiler, felsiger und von tiefen Spalten durchzogen. Andererseits ist die für den Getreidebau geschätzte Rückstrahlung der Felsen unwichtig geworden. Ab der 2. Hälfte des 19. Jh. haben Bauern in Neubauten in La Motta investiert und kaum noch in Artoalla. Weideland und Heuwiesen blieben weiterhin gefragt, daher blieben die Kulturlandverluste bescheiden. Nur am untersten Steilhang gegen die Schlucht des Ria de La Motta sowie im felsigen Gelände südlich von Artoalla rückte der Wald leicht vor, im letzteren Fall nach dem 2. Weltkrieg verstärkt. Um das sich massiv entvölkernde Artoalla herum wurde das Wiesland noch bis 1968 mit Sense und Sichel sauber gemäht. Auf den Luftbildern von 1976/77 sehen wir noch keinerlei Verbuschung der inzwischen nur noch beweideten Wiesen sondern lediglich einzelne kleine Fichten entlang von Mauern. In den nachfolgenden Jahren setzte trotz Weidebetrieb im Herbst (oder vielleicht gerade deshalb?) eine fortschreitende Verbuschung und Verwaldung ein, die bis 2010 bereits die Hälfte der im Jahre 1970 noch offenen Fläche auf dem Monti betraf. Offen blieben das Kerngebiet von Artoalla (mit den Gebäuden und Ruinen) sowie einige Wiesen gegen La Motta.


Ackerbau

Im Einzugsgebiet von Artoalla waren einst, wie Mauerreste belegen, zwischen 25 und 30 Prozent der Kulturlandfläche terrassiert für den Anbau von Getreide, das ergibt eine Netto-Anbaufläche von 70 Aren (33% des terrassierten Areals). Dazu kamen bestimmt noch weitere kleine Äckerlein in flacheren Geländeabschnitten, die nicht mehr nachweisbar sind. Der Getreideanbau ist in der Gemeinde Cauco bereits Ende des19. Jh. verschwunden. Ob in Artoalla Kartoffeln angebaut wurden ist unsicher, wenn überhaupt, dann zufolge der flachgründigen steinigen Böden bestimmt nur in geringem Umfang. Auf den Luftbildern von 1933 und später sind keine Spuren von Kartoffelgärten erkennbar.

Die Parzellierung des Grundbesitzes hatte im Verlauf der Zeit infolge der Landknappheit extreme Formen angenommen. Die durchschnittliche Parzellengrösse lag 1970 im Raum Artoalla bei 2 ½ Aren. Sie lag nur deshalb nicht unter diesem Wert weil die Abwanderung zahlreicher Familien Landerwerb und Arrondierungen durch Abtausch von Parzellen ermöglicht hatte. Im terrassierten Gelände, in dem der Bodenwert höher war, lag die mittlere Parzellengrösse deutlich tiefer. Hier gab es vor der Güterzusammenlegung 1980 einzelne Parzellen mit nur 20 m2 Fläche. Im Rahmen der Zusammenlegung sank die Parzellenzahl von weit über 100 auf 11; nur noch zwei davon sind im Besitz eines landwirtschaftlichen Betriebsinhabers. Im Calancatal wo es vor 100 Jahren so gut wie kein Pachtland gab ist dieses also zum Normalfall geworden.

Artoalla heute

Eine Cascina mit Stanzin wird von der Eigentümer-Familie gelegentlich als „Ferienwohnung“ benutzt und die Umgebung gepflegt. Die eingangs erwähnte Gebäudegruppe (Küche, Stanzin, 2 Ställe) dient als Materialdepot sowie gelegentlicher Stützpunkt für die Arbeitsgemeinschaft Val Calanca (AVC) und wird sporadisch von den Besitzern aufgesucht. Auf diesem Weg ist für ausreichenden Unterhalt der Gebäude gesorgt und etwas mehr als die Hälfte der zugehörigen Wiesen konnten bis heute vor der Verwaldung bewahrt werden. Der mit neuen Gneisplatten gedeckte „Schermen“ (Unterstand) direkt neben dem Weg ist Teil einer früheren Cascina, deren Ausbau zu einem Stützpunkt der AVC für ihre Arbeitseinsätze der Kanton Graubünden auf ein entsprechendes Gesuch hin im Jahre 1990 untersagt hat. Wie lange die Weideflächen in Artoalla noch offen gehalten werden können hängt u.a. davon ab, wie lange es Idealisten gibt, die den Landwirt bei der Pflege der Weide unterstützen, es braucht freiwillige Helfer, mit Direktzahlungen des Bundes an die Bauern ist es nicht getan. Die Offenhaltung von Bergweiden und –Wiesen ist keineswegs nur Nostalgie und auch kein wichtiger Beitrag zur Ernährungssicherheit der Schweiz, aber ein Beitrag zur landschaftlichen Vielfalt, zur Biodiversität und damit ein Standbein für einen ökologisch nachhaltigen Tourismus.